Skip to main content

Impulse aus dem
Baum­haus

Kurz­schlüsse im Maschinen­raum

28. März 2024
Clemens M Prokop

Zum Tag der bipolaren Störung:
Kurzschlüsse im Maschinenraum – oder wie ich entdeckte, dass Ludwig van Beethoven das Leben meiner Freundin vertont hat.

Wer soll das nur lesen? Diese wahre Geschichte ist fürchterlich lang und total Anti-Social Media. Trotzdem möchte ich sie erzählen zum Tag der Bipolaren Störung (30. März). Es ist die Geschichte einer Beethoven-Inszenierung, in der sich plötzlich und auf eine unheimliche Art das richtige Leben breit machte. Von „Prometheus dis.order“ gab es gerade einmal drei Aufführungen in der Düsseldorfer Tonhalle. Wie unendlich gerne würde ich diese Geschichte viel mehr Menschen erzählen.

Wer hilft dabei?

Ludwig van Beethoven komponierte sein einziges vollständiges Ballett 1801 für das Wiener Burgtheater. Der Choreograf Salvatore Viganò war beauftragt, für Maria Theresia ein neues Werk zu schaffen, und obwohl der gewöhnlich selbst die Musik für seine

Ballette komponierte, schien es ihm diesmal angesichts der Prominenz der Aufgabe doch geboten, Beethoven für die Partitur hinzuzuziehen.

Sowohl Viganòs Libretto als auch die Choreografie zu „Die Geschöpfe des Prometheus“ sind verloren. Aus zeitgenössischen Quellen wissen wir aber von einem heroisch-allegorischen Ballett, und Graf Karl von Zinzendorf fasst zusammen: „Der ganze Parnass ist aufgeboten‚... Prometheus lässt seine Geschöpfe tanzen, das geht nicht recht voran, die Musik beseelt sie, die Muse der Tragödie erweckt ihr Empfindungsvermögen, indem sie vorgibt, Prometheus getötet zu haben‚... Das dauert bis gegen 10 Uhr.“ Eigentlich unnötig zu erwähnen: Beethovens Musik gefiel ihm nichtbesonders.

Tatsächlich ist Beethovens Ballett-Musik eigentümlich gefärbt. Sie sei „einfacher und unbeschwerter als die Musik für den Konzertsaal“, beobachtet der amerikanische Beethoven-Experte Lewis Lockwood: Beethoven nutzt Klangfarben und Instrumenten-Effekte in einer Art, wie er sie sich für seine Sinfonien im Leben nicht erlaubt hätte.

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass er später aus dem Prometheus-Finale das Thema der Eroica und der Eroica-Variationen schuf.

Es ist deshalb vielleicht keine Ungerechtigkeit der Repertoirebildung, dass zwar die knallige Prometheus-Ouvertüre immer wieder im Konzertsaal klingt, das Ballett selbst aber nur ein Nischendasein fristet.

Schon ein erstes Hören offenbart ein verwirrendes Wimmel-Klangbild.

Kleinteilig und zerrissen pendelt es unentschlossen zwischen pathetischem Donnergrollen und geradezu püppchenhafter Illustration. Dazwischen zauberhafte Momente, atemberaubende Wendungen, jähe Abbrüche ins Banale. Dabei ist alles durchzogen von einer eifersüchtigen Sehnsucht nach jener Leichtigkeit, mit der Mozart die Höhen und Abgründe menschlichen Daseins vermessen konnte.

Eine solche Ausgangslage machte es nicht einfacher, „Die Geschöpfe des Prometheus“ als Beitrag zum BTHVN-Jubiläum zu erzählen – nicht als Kuriosität mit der augenzwinkernden Ironie intellektueller Überheblichkeit. Sondern, wie wir das bei jeder Konzerterzählung halten, indem wir diese Musik so ernst wie nur möglich nehmen.

Sieh sie dir an,
wie sie mühelos kreisen.
Ein Kinderspiel.

Der Gedanke war nicht plötzlich da, sondern schlich sich allmählich an, so wie sich auch die Krankheit anschleicht und oft viel zu spät diagnostiziert wird. Der Gedanke war nicht mehr als eine Ahnung, er begleitete mich über die Zeit mehrerer Monate. Was als vorsichtige These begann, veränderte mein Hören von Beethovens Musik, und plötzlich traten Konturen durch den Nebel, wurden die holzschnitthaften Versatzstücke lebendig.

Plötzlich begann alles, Sinn zu ergeben.

„Prometheus bist du“, sagte ich zu meiner Freundin Susann. „Du bist verrückt“, sagte sie.

Unsere Freundschaft verbindet uns seit mehr als zwei Jahrzehnten, sie hat Höhenflüge und Katastrophen überlebt und schmerzhafte Jahre der völligen Kontaktlosigkeit. Vor allem hat sie ihre Krankheit überlebt, eine bipolare Störung.

Früher sagte man dazu manisch-depressive Erkrankung, und auch wenn sie in verschiedensten Schweregraden, Formen und Zuständen auftritt, ist der Kern ein von den Betroffenen nicht steuerbares Pendeln zwischen zwei extremen Zuständen manischer Getriebenheit und depressiver Abstürze.

Wie sehr und auch wie schnell diese Zustände über ein „normales“ Maß hinaus schießen können, das lässt sich schwer beschreiben und noch schwerer ertragen. Dass die Krankheit nicht geheilt werden kann, wohl aber mit Therapie und Medikamenten wenigstens in Schach zu halten ist, bleibt für Menschen wie Susann ein schwacher Trost.

Prometheus, der Feuerbringer aus der griechischen Mythologie, ist in den Darstellungen über die Epochen meist ein bärtiger, betagter Mann der Weisheit. Prometheus trägt einen sprechenden Namen: Dem „Vorbedenker“ steht die Zukunft vor Augen, und listig stiehltder Titan den Göttern das Feuer, um die Menschheit zu zivilisieren mit Kunst und Kultur.

Es gelingt ihm nicht, und die ihm auferlegte Strafe ist unschön.

Der Stoff hat freilich einige Veränderungen durchlebt. Aus dem listigen Betrüger der ältesten Überlieferungen formte Aischylos den heldenhaften Menschenfreund und legt auch das Deutungsbild des Gottesrebells an, das über Aristophanes und Plato in einem großen Bogen bis in die Renaissance führt. In Goethes Prometheus-Ode schließlich holt der Rebell zum großen Schmähgedicht gegen den Göttervater aus.

Jene Schöpfungsepisode, dass Prometheus aus einem Klumpen Lehm Gestalten formt und zum Leben erweckt, ist, wenn man so will, die Frankenstein-Variante des Mythos. Sie wirkt wie ein Satyrspiel zur aufklärerischen Lesart der Reinform, aber schon der Werktitel „Die Geschöpfe des Prometheus“ und alles, was wir von der Uraufführung wissen, deuten genau darauf hin.

„In meinem Kopf“, sagt meine Freundin Susann, „sitzen zwei Typen. Jeden Morgen pokern sie, wer heute zum Zug kommt.“

Was so harmlos beginnt als ein Spiel, entlädt sich gefährlich schnell als Kurzschluss-Gewitter im Kopf. Und türmt sich zu einem Tsunami der Zerstörung. Dabei entfalten die Kreaturen ein unheimliches kreatives Potenzial. Ihre Zerstörungswut kann sich gegen alles richten, gegen sich selbst und andere.

Die schärfste Waffe, um Beziehungen zu zerstören, um Freunde in die Flucht zu schlagen, können ihre Worte sein, die einschlagen mit dem absoluten Vernichtungswillen einer Atombombe. Die verführerischste allerdings sind die sirenenhaften Lockungen der inneren Stimme: hinauf aufs Dach in der festen Gewissheit, fliegen zu können.

Spürt ihrs nicht? Ich spürs.

Die für Prometheus dis.order entstandenen Textfragmente sind meine sprachlichen Annäherungen an diese Gefühls- und Gedankenwelten, und ich kann meiner wundervollen Freundin Susann nicht genug danken für ihr Vertrauen, das sie mir, Schritt für Schritt, über die Jahre geschenkt hat.

Diese unendliche Scham nach einer weiteren Episode des Fremdgesteuertseins, sagt sie, mache alles noch unerträglicher. Die ständige Angst vor Unverständnis und verbrannter Erde, Verlassenwerden und Einsamkeit. Und vor dem Stigma, als verrückt abgestempelt zu werden.

Was? Nich‘ normal sagst du?
Hast du ne Ahnung.

Dabei ist die Gefahr viel größer, dass eine manische Phase von Außenstehenden gar nicht erkannt wird. Manie heißt Höchstleistung, sprudelnde Kreativität und unwiderstehliches Charisma.

Das mag mit ein Grund sein, warum die bipolare Störung oft genug als irgendwie coole Künstlerkrankheit missverstanden wird: eine kleine Abnormalität als im Grund willkommener Kreativitäts-Boost.

Man muss nicht lange googeln, um die berühmtesten Schauspieler, Sänger und natürlich auch Beethoven als bipolar ferndiagnostiziert zu finden. Die gesellschaftliche Dimension ist freilich eine radikal andere.

Mit „Die Welt im Rücken“ unternimmt der Schriftsteller und Dramatiker Thomas Melle den grandios erfolgreichen Versuch, seiner eigenen Erkrankung auf die Spur zu kommen, die ihn über Jahre verfolgt und immer wieder aufs Neue einholt.

Aus dem Roman ist auch ein Schauspiel geworden, und in beiden Fällen gelingt ihm eine Wortfassung seiner krankheitsbedingt zersplitterten Lebensgeschichte. Die schrittweise Vermessung der eigenen Biographie am Maßstab ärztlicher Untersuchungsberichte und klinischer Kategorien umkreist konsequent das zentrale Dilemma. Und rekonstruiert aus Perspektiv-Fragmenten die eigene Identität.

„Wenn Sie bipolar sind, hat Ihr Leben keine Kontinuität mehr. Die Krankheit hat Ihre Vergangenheit zerschossen, und in noch stärkerem Maße bedroht sie Ihre Zukunft“, spricht Melle seine Leser direkt an: „Die Person, die Sie zu sein und kennen glaubten, besitzt kein festes Fundament mehr. Sie können sich Ihrer selbst nicht mehr sicher sein.“

Die mühsame Rückversicherung der eigenen Wirklichkeit entpuppt sich dabei als fortwährende Verhandlung von Selbstwahrnehmung und Fremdeinschätzung – Verhandlungen auf dem schwankendem Boden brüchiger Beziehungen, bröckelnder Vertrauensverhältnisse und schlichtweg falscher Einschätzungen der Situation.

Was ist noch Ausdruck einer überaus originellen, charismatischen Persönlichkeit – und was ist längst schon Teil eines uneindeutig vielschichtigen Krankheitsbildes?

Die quälende Unvollständigkeit der eigenen Erfahrung macht den Prozess nicht leichter. Sie legt aber einen ungeahnten Zugang zu den manchmal urkomischen, geradezu ins Absurde drehenden Aspekten der Krankheit. Meistens immer dann, wenn in der Manie der beglückende Rausch der Allmacht auf die Beschränktheit einer ernüchternd engen Realität prallt. Dann schlagen Funken einer richtungslosen und deshalb kaum erklärbaren Ironie, die mitunter schwer auszuhalten ist.

Aber was an dieser Krankheit ist denn bitte nicht schwer auszuhalten?

Diese Ironie wenigstens mit den Mitteln der Kunst zu fassen, dieser Wunsch war uns schon ganz zu Beginn der Konzeptionsphase ein zentrales Anliegen. Eine wesentliche Aufgabe kommt hier der Choreografie zu. Sie muss als ein Körpertheater diese Momente einfangen, am besten mit ganz unerhörter und fast provozierender Leichtigkeit.

Präzises Überzeichnen und eine scheinbare Beiläufigkeit sollten hier zusammenfinden. Rätselhafte Bewegungs-Rituale könnten Spiegel sein für die Krankheit, der man mit Struktur manchmal zu Leibe rücken kann, mit mühsam eintrainierten Abläufen, die wie ein Notprogramm funktionieren sollen, wenn nichts mehr sonst funktioniert.

Vieles davon ist auf den ersten Blick im großen Kontext gar nicht wahrnehmbar. Und jede Komik entsteht erst im Zusammenspiel mit Beethovens Musik.

Ihre manchmal irritierend irrlichternde Dynamik, die abrupten Brüche zwischen Originärem und Klischee, ganz zu schweigen vom so hilflos aus der Zeit gefallenen Pathos – all das Fragmenthafte in Beethovens Ballettmusik erhält erst in der feinen Karikatur ein verbindendes und damit auch konsistentes Narrativ.

Diese ironische Brechung steckt deshalb – mit voller Absicht! – auch in tieferen Schichten der Erzählung, und erst das Körpertheater der Choreografie verleiht ihr eine wahrnehmbare Gestalt.

Das gilt besonders für die Konzeption der beiden Geschöpfe des Prometheus, die wir ihr zur Seite gestellt haben. Diese Kreaturen sind, der Mythos erzählt es, und mit ihm erzählt es die Musik, nicht nur charakterlich höchst unvollkommene Geschöpfe.

Doch gerade in ihrer Inselbegabung sind sie brandgefährlich. Die Assoziation mit Figuren aus Jump‘n‘run-Games ist nicht zufällig, wenn man die formelhafte Gestaltung in Beethovens Nr. 8 (Allegro con brio) bedenkt.

Das Spiel schraubt sich hier von Level zu Level.

Bis nichts mehr geht: Game over.

Aus dieser Verankerung in einer digitalen Popkultur passt schließlich auch das legendäre Arcade- und Videospiel Pac-Man nahtlos ins Bild als Chiffre für das permanente Getriebensein durch die eigenen Gespenster.

Gemeinsam sind sie
das Dreamteam
für jeden Weltuntergang.

Beethovens musikalische Gestaltung oszilliert auf verstörende Weise zwischen anrührendsten Momenten innigster Musikalität und einer geradezu provozierend plakativen Illustration.

Auch in diesem Kontext sind Querverweise und Anleihen ins popkulturelle Weltgedächtnis wesentlicher Teil einer konsequenten Erzählung – Jacky Chans komödiantische Kampfchoreografie, Kill Bills hochpräziser Blutrausch, Indiana Jones‘ märchenhafte Abenteuerwirklichkeit, all das spannt den Bogen zu einer robotoiden Kraftwerk-Erfahrung („We are the Robots“), die sich letzten Endes doch auch wieder nur aus Hoffmanns Erzählungen speist und in Fritz Langs Metropolis (1927) ein monumentales motivisches Echo findet.

Der alles verbindende Gedanke ist einmal mehr die Frage nach Identität und dem Zugriff auf die eigene Persönlichkeit. In diesem Zusammenhang hilft die fast comicartige Ent-Individualisierung der gegenläufigen Kreaturen, um die Krankheit auch in ihren Kapriolen besser begreifen zu können.

In der maschinenhaften Manie verzeichnet sich jeder Charakter zwangsläufig entweder zur Karikatur oder verwischt zur rätselhaften Rächerin. In der Gegnerschaft vereint ohnehin nur eine banalisierende Gesichtslosigkeit als Kanonenfutter – sowie der eine kurze Wimpernschlag, in dem sich der Body Count wieder um eins nach oben schraubt.

Wie schnell kippt blinde Zerstörungswut in eine klar sehende Zerstörungslust…

Gerade die schönsten, die wertvollsten Dinge nimmt die bipolare Störung ins Visier. Gnadenlos reißt sie Beziehungen und Freundschaften ein, und übrig bleibt gerade so viel wie von Beethovens wehrloser Pastorale.

Ruinen.

What's Your Journey?

TYE entwickelt Unternehmenskultur und schafft Veränderungserfahrungen. Wir begleiten Change-Prozesse in Unternehmen und Organisationen, die es ernst meinen. 

Begleite uns